Ein stacheliges Vertrauen: So hilfst du Igeln durch den Herbst 🦔
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Igel waren lange vor uns Menschen auf der Erde. Sie gehören zu den sogenannten Kulturfolgern. Statt sich von uns verdrängen zu lassen, haben sie sich an unsere Lebensweise angepasst und folgen uns treu. Ein Igel weiß eben: Wo Menschen sind, lässt es sich gut überleben.
Leider geht diese Rechnung nicht mehr auf. Seit 2024 führt die Weltnaturschutzunion IUCN den Braunbrustigel auf ihrer internationalen Roten Liste als „potenziell gefährdet“.
Sein Erfolgsmodell, sich bei Gefahr einfach zusammenzurollen, hat ihn über Jahrmillionen geschützt. Gegen Autos, Mähroboter, sterile Gärten, das Insektensterben und die moderne Landwirtschaft kommt er damit aber kaum noch an.
Wenn uns eine Art trotz allem so treu begleitet, haben wir ihr gegenüber eine echte Fürsorgepflicht. Es gibt viele Möglichkeiten, dem Igel vor deiner Haustür zu helfen. Und das Beste daran: Jeder kann Igelschützer werden.
Mut zur Wildnis: Dein igelfreundlicher Herbstgarten

Das Schöne am Artenschutz ist, dass weniger oft mehr ist. Kehr das Laub meinetwegen zusammen, aber lass den Laubhaufen um Gottes willen in einer Ecke des Gartens liegen. Im Biomüll wäre er verschwendet, denn darunter überleben unzählige Insekten, von denen hungrige Igel profitieren. Zusätzlich kannst du altes Holz zu einem Totholzhaufen stapeln und einfach stehen lassen. Und nein, das muss nicht unordentlich aussehen. Ich bin mir sicher, dass du das kreativ gestalten kannst.
Mulchen: Das Buffet unter der Grasschicht
Sehr bewährt hat sich im Herbstgarten das Mulchen. Verteil abgemähtes Gras einfach dünn auf den Beeten. Darunter verstecken sich massenhaft Insekten, die unser stacheliger Freund ohne mit der Wimper zu zucken vernascht. Soll er auch, das ist schließlich sein Job! Du selbst profitierst ganz nebenbei von gesundem Boden und weniger Unkraut. Schau ruhig mal drunter. Du wirst überrascht sein, wer dort alles einzieht.
Stehen lassen statt abschneiden
Auch auf die Gefahr hin, dass dein Nachbar glaubt, du mutierst zum Hippie: Lass alte Blütenstände und vertrocknete Stängel über den Winter einfach stehen und greif erst im Frühjahr zur Schere. Das ist kein Faulenzen, sondern aktiver Artenschutz. In hohlen Stängeln überwintern genau die Insekten, die der Igel zum Überleben braucht. Außerdem nutzt er die trockenen Halme liebend gern als gemütliches Baumaterial, und im Frühling übrigens auch die Vögel. Wer weiß, vielleicht triffst du deinen Untermieter bald dabei an, wie er ganz wie Lucky Luke pfeifend mit einem Halm im Maul durch deinen Garten marschiert.
Ein Igelhaus mit Einzugshilfe
Wer noch eine Schippe drauflegen möchte: Im Handel gibt es fertige Igelhäuser, die du einfach unter dem Laubhaufen versteckst. Der Igel findet diese Zuflucht meist auch ohne Hinweisschild. Wie hätte er sonst Millionen von Jahren überleben sollen? Eine kleine Einzugshilfe kannst du ihm trotzdem anbieten. Grab mit einem Arm einen Tunnel in den Haufen, so wie früher als Kind im Sand. Erinnerst du dich noch an diesen herrlichen Moment, wenn sich mittendrin die Hände mit dem Spielkameraden trafen?
Zufüttern: Ein Buffet, das Leben rettet
So idyllisch dieses Bild auch ist: Selbst wenn wir im eigenen Garten alles richtig machen, das weltweite Insektensterben können wir allein nicht stoppen. Laut der Krefelder Studie ist die Biomasse der Fluginsekten im Jahresdurchschnitt um mehr als 75 % zurückgegangen. Deshalb ist Zufüttern sinnvoll. Wer dem Igel im Herbst ein Buffet herrichtet, kann Leben retten.
In letzter Zeit haben mich viele Fotos erreicht, auf denen man sieht, wie fleißig ihr Igel füttert. Da geht mir das Herz auf. Danke! ❤️
Bei meinem letzten Einsatz bei der Igelhilfe, wo ich die Kisten von pflegebedürftigen Igeln geputzt habe, habe ich mich ausführlich mit der Leiterin Frau Martin über die richtige Fütterung unterhalten. Diese Erkenntnisse möchte ich mit dir teilen, damit wir alle es richtig machen und auch andere Menschen gut beraten können.
Bitte keine Milch!
Wir sind ja nicht mehr in den 80ern. Igel sind tatsächlich laktoseintolerant, anders als so mancher, der aus Lifestyle-Gründen nach Spezialmilch verlangt. Milch kann bei ihnen gefährliche Durchfälle auslösen, die tödlich enden können.
Was wirklich in den Napf gehört

Igel sind Insektenfresser. Ihre Hauptnahrung sind Käfer, Spinnentiere und Weinbergschnecken. Ihr Darm ist nicht darauf ausgelegt, pflanzliche Kost zu verdauen. Darauf solltest du achten:
- Fleischreich und getreidefrei: Gut geeignet ist Kittenfutter oder Katzenfutter, trocken oder nass mit Hühnchen, aber ohne Soße oder Gelee. Auch das Claus Igelfutter „getreidefrei“ ist empfehlenswert, weil es alle wichtigen Mineralstoffe enthält.
- Finger weg von den meisten Igelfuttermischungen: Viele enthalten Erdnüsse, Getreide und Co. und sind für Igel schlecht verträglich.
- Tabu sind außerdem: Getreide, Nüsse, Mais und Obst.
- Insekten als Beimischung: Igel brauchen das Chitin aus dem Panzer der Laufkäfer. Es schützt vor Endoparasiten, und das Knuspern reinigt die Zähne. Die Igelhilfe empfiehlt deshalb helle Soldatenfliegenlarven (sie enthalten Chitin) gemischt mit Mehlwürmern, die du unter das Katzenfutter mengst. Als Alleinfutter eignen sie sich aber nicht. Mein Tipp: Ich bestelle beides im Sack, trocken gelagert hält es lange.
- Keine Schnecken und Regenwürmer für schwache Igel: Nacktschnecken übertragen Lungenwürmer, Regenwürmer Kokzidien.
- Sauberkeit: Entferne Kot und Futterreste jeden Tag, Futterhaus und Futterstelle müssen sauber bleiben.
- Frisches Wasser: Stell einen Wassernapf neben das Futterhaus, wechsle das Wasser täglich und reinige die Schale.
Übrigens: Laut Igelhilfe finden mittlerweile selbst gesunde Igel im Sommer zu wenig Futter. Experten raten deshalb, das ganze Jahr über zuzufüttern.
Und wenn sich eine Maus zwei oder drei Stückchen vom Futter holt, gönn es ihr. Der geht es schließlich auch nicht gut. Die dicke Nachbarskatze scheuchst du aber bitte weg.
Vom Liebesdienst zum Rettungsdienst
Manchmal reicht das alles nicht, und wir müssen vom Liebesdienst zum Rettungsdienst wechseln. Igel sind normalerweise nachtaktiv. Wenn dir also tagsüber einer über den Weg läuft, schau bitte genauer hin. Tagaktivität kann ein deutliches Warnsignal sein.
Ist er in Not, lass ihn nicht zurück, sondern sammle ihn ein. Du schaffst das! Ja, er faucht. Und ja, er macht ruckartige Sprünge, um dich zu erschrecken. Aber er macht nur auf dicke Hose, beißen tut er in aller Regel nicht. Mit festen Handschuhen oder einem Handtuch kannst du ihn sicher hochheben.
Wenn das Tier torkelt, sich nicht mehr einrollt oder apathisch wirkt, liegt ein medizinischer Notfall vor. Geschwächte Igel erkennst du oft auch an einer deutlichen Delle direkt hinter dem Kopf, dem sogenannten „Hungerknick“. Solche Tiere, sichtbar verletzte Igel und winzige Jungtiere im Spätherbst schaffen den Winter nicht ohne uns. Bring sie zu einer Igelstation oder in eine Tierarztpraxis.
Wo bekommst du Hilfe?
Eine bundesweite Igel-Notrufnummer gibt es leider nicht. Igelhilfe wird fast überall von Ehrenamtlichen gestemmt, die in ihrer Freizeit Igelstationen und Pflegestellen betreiben. Deine beste Anlaufstelle ist deshalb immer die Hilfe vor Ort:
- Igelstationen und Pflegestellen in deiner Nähe findest du am schnellsten über eine Suche nach „Igelstation“ und deinem Wohnort oder über lokale Igelhilfe-Gruppen in den sozialen Netzwerken.
- Igelkundige Tierärzte helfen bei Verletzungen und Parasiten weiter. Frag am besten vorher kurz telefonisch nach, ob die Praxis Igel behandelt.
- Tierheime, NABU- und BUND-Gruppen nehmen Igel teilweise selbst auf oder wissen, wer in deiner Region pflegt.
- Pro Igel e.V. bietet auf pro-igel.de umfangreiche Infos und eine Checkliste für Fundigel.
Ganz wichtig: Ruf immer zuerst an, bevor du losfährst. Gerade im Herbst sind viele Stationen voll, und die Pflegerinnen und Pfleger sagen dir am Telefon, was du bis dahin tun kannst.
Und noch ein Tipp aus eigener Erfahrung: Speichere dir die Nummer deiner nächsten Igelhilfe jetzt schon im Handy ein. Im Ernstfall zählt jede Minute.
Gewichts-Check: Wann muss die Waage her?
Ob ein Jungigel bereit für den Winterschlaf ist oder Hilfe braucht, verrät dir ein Blick auf die Küchenwaage. Als Faustregel gilt: Bis Anfang November sollte ein Jungigel mindestens 500 bis 600 g wiegen. Orientierung gibt dir diese Übersicht:
| Monat | Sollgewicht | Bedeutung |
|---|---|---|
| September | ca. 200–300 g | Noch in der Wachstumsphase, oft noch bei der Mutter |
| Oktober | ca. 350–450 g | Intensive Phase des „Anfressens“ von Winterspeck |
| November | mindestens 500–600 g | Kritisches Mindestgewicht für den Winterschlaf |
| Spätherbst/Winter | unter 500 g | Akuter Hilfsfall! Das Tier schafft den Winter nicht allein. |
Eine ausführliche Checkliste für Fundigel findest du auf pro-igel.de.
Das Problem an der Wurzel packen: Lade den Laufkäfer ein
Zufüttern hilft, aber noch nachhaltiger ist es, das Problem an der Wurzel anzugehen. Lass uns also den Laufkäfer in unsere Gärten einladen. Die nützlichen Käfer sind nachtaktiv, fressen unzählige Schnecken, Raupen und Blattläuse und stehen selbst ganz oben auf dem Speiseplan des Igels. Damit sie sich bei dir wohlfühlen, brauchen sie vor allem den passenden Lebensraum und reichlich Nahrung.
1. Verstecke und Unterschlüpfe schaffen
Laufkäfer brauchen tagsüber dunkle, feuchte Rückzugsorte, um sich vor Vögeln und der Sonne zu schützen.
- Totholz- und Steinhaufen: Staple ein paar dicke Äste, Baumstämme oder größere Steine in einer ruhigen Gartenecke auf.
- Laub liegen lassen: Herbstlaub unter Sträuchern und Hecken dient als natürliche Isolierung und Versteck.
- Bodendecker pflanzen: Dichte, niedrige Pflanzen wie Efeu, Günsel oder Dickmännchen bieten optimalen Schutz.
2. Den Boden schonen
Laufkäfer leben auf und im Boden und reagieren empfindlich auf Störungen.
- Nicht umgraben: Umgraben zerstört die Gänge und tötet überwinternde Käfer und ihre Larven. Lockere den Boden lieber mit einer Grabgabel.
- Mulchen: Eine Schicht aus Rasenschnitt, Rindenmulch oder Stroh hält den Boden feucht und schafft ideale Jagdbedingungen.
3. Chemiefreie Zone einrichten
Verzichte auf Pestizide. Insektizide und Schneckenkorn töten Laufkäfer direkt oder entziehen ihnen die Nahrungsgrundlage. Einzige Ausnahme ist Schneckenkorn auf Eisen-III-Phosphat-Basis, das als nützlingsschonend gilt.
4. Einen „Käferkeller“ als Winterquartier bauen
- Grab an einem schattigen Platz ein Loch, etwa 30 bis 40 cm tief.
- Füll es locker mit Totholz, Rinde, Tonscherben und trockenem Laub.
- Deck das Loch mit ein paar größeren Steinen oder dicken Holzstücken ab, sodass kleine Ritzen als Eingang frei bleiben.

Bis zum nächsten Frühjahr
Ich hoffe, du nimmst aus diesem Beitrag ein Stück Mitgefühl für unsere Flora und Fauna mit und vor allem Vorfreude aufs nächste Frühjahr. Denn es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, „seinem“ Igel nach dem kräftezehrenden Winterschlaf gesund wiederzubegegnen.
So, und jetzt ab in den Garten! Es gibt viel zu tun. 🦔
Was meinst du?
Hast du schon einen stacheligen Untermieter im Garten, oder hast du vielleicht sogar schon einmal einen Fundigel gerettet? Wie machst du deinen Garten igelfreundlich, und was steht bei dir im Futternapf?
Erzähl es uns in den Kommentaren! Wir freuen uns riesig auf deine Erfahrungen, Tipps und Igelgeschichten, denn je mehr wir teilen, desto mehr Igel kommen gut durch den Winter.
Herzliche Grüße
Dein Zinou-Team